Sektion Rosenheim

DAV

des Deutschen Alpenvereins e. V.
   

Skibergsteigen in Indien und China

Fotos und Bericht: Christoph Schnurr

Kedar Dome, 6831 m, Garwahl Himal

Die Namen die man sonst so aus dem Garwhal Himal kennt, allen voran der Shivling, die Bagirati, der Santopath und der Thalai Sagar, allesamt sind sie keine leichten Berge und Skiberge schon gleich garnicht. Direkt hinter dem Shivling versteckt und völlig unbekannt, liegt der Kedar Dome, ein wunderschöner, ebenmässiger Eisdome. Vom Kalindi Khal Trek aus sieht man ihn auch. Von der Form her vielleicht am ehesten mit dem Montblanc vergleichbar. Seit Jahren schon im Programm vom DAV Summit Club ausschrieben, wurde die Skiexpeditionen immer wieder mangels Teilnehmer abgesagt. Heuer (2008) wollen sie's wissen und mit 6 Anmeldungen soll die Tour nun endlich stattfinden. Ich darf sie als Bergführer begleiten. Am Ende fliege ich mit 4 Teilnehmern Anfang Mai nach Delhi. Kaum in Delhi angekommen finden wir uns im Büro der Indischen Bergsteigervereinigung zum Briefing ein. Zwei Stunden warten wir um zu hören, dass wir aufgrund der Höhe gleich mal ein paar Diamox einschmeissen sollen, keinen Dreck hinterlassen dürfen und zum Abschluss einen Bericht vorlegen müssen. Na prima.

Am nächsten Tag schon geht über Haridwar nach Uttarkashi. Ein weiterer Tag bringt uns bereits nach Gangotri. Der 3000 m hoch gelegene Pilgerort am Bagirati, einem Zufluß zum heiligen Indus, ist Ausgangspunkt für unseren Marsch ins Basislager. In 4 gemütlichen Tagen schlendern wir dorthin. Die systematische Unterforderung ist der Schlüssel zu einer guten Akklimatisation - und wir unterfordern uns systematisch. Auf einer fantastischen Ebene unterhalb eines mächtigen Granitpfeilers am Fusse des Shivling richten wir uns ein. Und wir haben Platz, wir sind allein. Erst ein paar Tage später kommt noch eine italienische Gruppe mit 5 Personen. Sonst springen nur noch ein paar Blauschafe herum. Eine Stunde vom Basislager tragen wir die Ski, dann können wir mit Fellen loslegen. Ideale Verhältnisse. Unsere beiden Träger haben es da ungleich schwerer. Ohne Schneeschuhe versinken sie bis zur Hüfte im Schnee. Auf Skiexpeditionen sind sie nicht wirklich eingestellt. In den folgenden Tagen richten wir Lager 1 auf 4900 m und sehr bald auch Lager 2 auf 5500 m ein.

Das Wetter ist recht wechselhaft, oft schneit es nachts ein wenig. Der Morgen ist meist wolkenlos blau bis dann gegen Mittag wieder Bewölkung aufkommt. Ein erster, früher Gipfelversuch scheitert am schlechten Wetter und auch die Lawinensituation ist nicht ganz astrein. Mehrere Wumm-Geräusche in der Schneedecke mahnen zur Vorsicht. Wir fahren ab und beschließen einen Ruhetag einzulegen.

Dann geginnt das Spiel von vorne. Aufstieg ins Lager 1. Aufstieg ins Lager 2. Und schließlich der lange Marsch über 1300 Hm zum Gipfel. Der Gipfelhang ist endlos, aber um 13.00 Uhr stehen wir am sich bereits wieder einhüllenden Gipfel. Nur eine gute Stunde und eine berauschende Skiabfahrt später sind wir bereits wieder im Lager 2. Bauen dieses kurzerhand ab und schwingen, jetzt schon nicht mehr so locker, unsere Rucksäcke sind zu schwer, hinab ins Lager 1. Dort schlafen wir und brechen am nächsten Tag im Schneegestöber Richtung Basislager auf. Hier werden wir mit einem Schneemann und selbstgebackenem Kuchen empfangen. Dann heißt es packen und Abschied nehmen von unserem Traumlagerplatz. Wieder schlendern wir, nein, diesmal marschieren wir in 2 Tagen das Tal hinaus. Die Zivilisation lockt und die Akklimatisation ist ja auch fortgeschritten.

Mustagh Ata, 7546 m

Diesmal ist alles anders. Nein, nicht alles. Wieder sind wir mit Ski unterwegs. Aber dieses Mal habe ich 16 Teilnehmer. Das Basislager ist voll mit anderen Bergsteigergruppen und wahrscheinlich ist nicht alles schiefgegangen was schief gehen kann - aber sehr, sehr vieles. Die erste und einzige Verletzung haben wir am Münchner Flughafen. Beim Ausladen zieht sich Toni eine Platzwunde an der Heckklappe eines Autos zu. Die Uyguren, die wie die Tibeter auch die Unabhängigkeit von China anstreben, metzeln, um Aufmerksamkeit auf ihre Situation zu lenken, am Tag unserer Abreise aus München 16 Chinesen an der Grenzstation ab, an der wir von Kirgisistan nach China einreisen möchten. Bei der Ankunft in Bishkek fehlt bei einem Teilnehmer das komplette Gepäck. Nach einem Tag am Handy und 400 € Telefonkosten ist klar - der Grenzübergang ist geschlossen. Die geplante Einreise nicht möglich und wir fliegen über Urumchi nach Kashgar. Das fehlende Gepäck taucht auf, aber nicht nur wir wollen fliegen, alle wollen fliegen. Wir müssen die Gruppe teilen. Die 2. Gruppe kommt 2 Tage später nach. Ohne unsere Agenturen vor Ort wäre das nicht zu bewältigen. Trotzdem zahlen wir bei den Tickets natürlich einen Touriaufschlag. Sonst geht garnichts.

In Kashgar treffen wir uns alle wieder - aber jetzt hat die Hälfte der Mannschaft Durchfall - mich eingeschlossen. Dann sind wir endlich am Berg. Was kann jetzt noch schief gehen. Eigentlich nix, oder? So ist es auch. Langsam werden wir alle wieder gesund und richten uns ein. Am Tag vor dem Gipfelsturm sitzen wir fast komplett zu 15. im Lager 3 auf 6800 m. Dann wird das Wetter schlecht und dahin ist der Traum vom Gipfel. Nach einem totalen Blindflug sind wir froh wieder heil und unversehrt in Lager 2 einzutreffen. Und am gleichen Abend noch sitzen wir im Basislager.

Der darauffolgende Tag besteht aus packen und shoppen. Als letzte Gruppe im Basislager sind wir ein dankbares Ziel für die Einheimischen, die Teppiche, Messer und allerlei Schmuck zu Steine zum Verkauf anbieten. Dann geht's zurück in die Zivilisation und, ja natürlich, der Wahnsinn geht weiter. Eine Discothek wird während unseres Besuches von eine Schlägertruppe kurz und klein geschlagen. Wir werden wie eine Herde Schafe herumgetrieben und als dann die Polizei mit gezückten Waffen vor uns steht, fühlen wir uns auch nicht so richtig wohl. Beim anschließenden Grenzübertritt nach Kirgisistan stellt sich noch heraus, das ein Teilnehmer ein falsch ausgestelltes Visum besitzt. Was solls, eine vierstündige Telefonkonferenz mit schließenden Botschaften am Freitagnachmittag, dem Innenministerium sowie unseren Agenturen und dem DAV-Summit Club an einem verlassenen Grenzposten im Niemandsland zwischen China und Kirgisistan, das kann uns jetzt nicht mehr aus der Ruhe bringen. Ach ja, bevor ich es vergesse, der Mustagh Ata ist ein fantastischer Skiberg am Rande der Taklamakan Wüste und auf jeden Fall einen Besuch wert. Ich muss da auch noch mal hin.