Sektion Rosenheim

DAV

des Deutschen Alpenvereins e. V.
   

Besteigung des Ortler 2. - 4. August 2002

Tourenbegeleiter: Ludwig Wieland, Bernd Kottke, Josef Müller
Teilnehmer: Ludwig Wieland, Josef Müller, Bernd Kottke, Hans Lakasser, Ferry Schweiger, Michael Keller, Albert Schmidseder, Norbert Barf, Josef Wagner, Helmut Heiss, Oliver Nitsche, Gotthard Weiser, Michael Rieder, Barbara Franzkewitsch, Kurt Bürgermeister, Clemens Degenhard
Text: Gotthard Weiser und Barbara Franzkewitsch
Bilder: Michael Keller, Michael Rieder, Gotthard Weiser

Bei sehr gemischtem Wetter und sommerlichen Gehverhältnissen wurde der Gipfel des Ortler (3905m) auf dem Normalweg von der Julius-Payer-Hütte aus mit 15 Mann in 3 Seilschaften bestiegen

 

2. 8. Anfahrt

Der König von Südtirol

Ein Novum: heut fahren wir um halb sieben mit sechzehn Leut, vier Autos und gleich drei (!) Begleitern nach Südtirol. Bernd und "Bepp" Müller haben netterweise ausgeholfen, daß "Lucky" Ludwig diese Besteigung mit so großer Mannschaft wagen kann. Ein "harter Kern" vom letzten Mal ist wieder dabei und auch eine prima Auswahl "Neuer", wie sich bald herausstellen wird. Freitag früh gibts eine rasche Fahrt. Bei Graun am Reschensee ist "König Ortler" zum ersten Mal zu bewundern. Frisch beschneit, von wuchtiger Größe strahlt er wie ein Thron der Götter in den Sommerhimmel. Außerdem gibts Fotos von der Umsiedlung der Altgrauner Bauern 1949 zu sehen, Einbringung der letzten Heuernte bevor die Wasser steigen...


Ab unserem Talort Sulden gehts schattig oder luftig zwischen dunkelblau em Eisenhut und den winzigen gelben Sternen des Steinbrech zur Tabarettahütte (Tankpause), dann über ein Gletscherbecken zur Julius- Payer- Hütte genau auf dem Gratspitz (3029m). Urlaubszeit überall, ganz Euroland hockt auf der Sonnenterasse, nebst Italienern Ungarn, Frankreich, Holland... Selbst Japan - ein älterer G'studierter - ist vertreten. Während wir genüsslich schlürfen, gehn unsere braven Begleiter gleich mal schnell rüber die Ketten am Aufstiegsgrat zu checken. Sie sind verlängert worden, meint Lucky. Wunderbar, besser als verkürzt! Die klare Abendsonne wärmt, Silvretta, Weißkugel, Cevedale um uns und beinah kein Wolkerl. Der Wirt schimpft die Touris auf italienisch, die Wirtin beutelt die Gäst schon seit 16 Jahr, jetzt zusammen mit ihre zwei braven Töchterl - ein gut eingefahrenes Team. Julius Payer, der Namenspatron dieses wilden Dreistöckerhauses, hängt überm Stammtisch, stammt aus Teplitz und war Polarforscher und "guter" Maler (entdeckte "Franz-Joseph-Land" ...als Bemmen noch bei Estreich warr...), also Abenteurer und echter Kienstler! Was hat er eigentlich mit dem Ortler zu tun? Was sagt das Internet dazu? Apropos... Barbara's Freundin suchte kürzlich nach "Franzkewitsch" - und schon purzelte Barbara aus der Homepage unseres Vereins in die Weltöffentlichkeit. Hineingeraten ist sie da wegen dem Verwall bekanntlich. Barbara, bekannt für ihre "Soiler", ist gerührt und schockiert zugleich. Man muß sich das mal vorstellen: da könnt ja jeder nach " Franzkewitsch" suchen! Noch dazu ist sie jetzt auch unter "Soiler" zu finden... wenn das mal gutgeht.

Studium der Ortler-Nord


3. 8. Gipfelanstieg

Nachts sternklar - schön wird's heut! Frühstück ab dreiviertel fünf. Barbara kann leider nicht mitgehn - Kopfweh. Statt sich groß zu ärgern ratscht sie mit den Wirtsleuten, beobachtet das rege Hüttenleben und ist mit Gedanken die meiste Zeit bei uns - ihre Erlebnisse und Gedanken hat sie ebenfalls niedergeschrieben....

Kurz vor sechs Abmarsch - da fliegen die Dackel schon wieder tief. König Ortler spielt beleidigt: nasskalte Nebelschwaden fegen aus den Tiefen der Kare hinauf zu uns, die Hüttenfahnen (Tirol und Italien) knattern, gut daß es Handschuh gibt. Lucky sagt: wir gehn soweit's uns Spaß macht. Mal sehn wie weit das ist. Zu sehn ist nix, aber der Gipfel muß irgendwo sein - also los! Zuerst fällt Japan aus - trotz Seilschwanzl und Führer. Doktor Karukisaki hat ein Konditionsproblem. Also wir ran an die Ketten...

 

Anstieg durch die "Ketten"


Beim "Bärenloch" ...dann am hilfreichen Fixseil weiter durchs polierte Zweiergelände über einen luftigen Grat zum "Einstieg" in den Gletscher. Die erste Passage ist etwas steinschlaggefährdet und glücklicherweise überfirnt. Bald sind wir bei der Biwakschachtel auf der Schulter des Nordgrats - hier gibts enorm hohe Eisabbrüche (50m oder 100?), gelegentlich Einblick in die abweisende, eisschlaggefährdete Ortler-Nordwand.
 
Schön stetig in Windungen gehts aufwärts. Einige Spalten sind zu übersteigen, meist harmlos, eine aber blaugrün, breit und unabsehbar tief. 15 Rosenheimer bei der Arbeit
Micha und Ferry könnens beweisen! Der Nebel wird dichter, heftige kurze Sturmböen rütteln an unserem Gleichgewicht, aber sehr kalt ist es nicht. Jetzt ist die Spur vom Vortag weg. Lucky sucht, findet nix mehr und wählt einen weiten Linksbogen. Wir müssen bereits auf dem Eispanzer des Gipfelplateaus sein - hier hat man Gelegenheit, sich gleich auf zwei Seiten zu verabschieden. Lucky mag das nicht und erschnüffelt das finale Trampelpfaderl zur Gipfelgrube. Große Freude und Bergheil allerseits, 15*14=210 Händepaare schütteln sich gegen elf Uhr. Aber vom schönen Land Tirol ist leider keine Spur zu sehen. Jetzt bin ich zum zweiten mal bei Nebel hier oben; man darf mich hier rauf nicht mehr mitnehmen. Damit unsere drei Seilschaften nicht unterkühlen gehts gleich brotzeitlos hinunter.
Jetzt wo wir herunten sind reißts langsam auf, blendend weiße Gletscherbrüche, gähnende Spaltenmäuler. Nahe der Biwakschachtel gibts eine allseitige Stärkung, jetzt schon mit Landschaftsblick. Nun noch das blöde Eisbandl hinunter, die Steinschlagflanke, dann sind wir wieder auf den Felsen. Eine Italo-Mannschaft blockiert uns durch umständliches Sichern. So haben wir viel, viel Zeit, die mittlerweile gute Aussicht zu genießen.

Seraks über der Ortler-Nord

Eisiges Chaos
Die von Lucky&Co gelegten Fixseile sind sehr gut im Abstieg denn der Fels ist wirklich g'schmiert. Zuletzt wieder die Ketten, dann ists geschafft und freie Bahn zu Weißbier, Kaffee, Hüttenkuchen usw. Fast alle bei der Abstiegsbrotzeit

4. 8. Heimfahrt

 

Die Nacht ist wieder sternklar, also gibts frühmorgens ein Gewitter. Die Blitze zünden immer nah hiebei in den Hüttengrat, recht unterhaltsam. Dann Schnürlregen - das heißt beim Abstieg volle Kampfausrüstung anlegen. Tatsächlich gibts zum Abstieg schönstes Wetter, man muß es nehmen wie es kommt. Auch daß unser BMW keinen Furz tut beim Anlassen. Dem seine Elektronik taugt eh nix heißt es. Aber unser Dentista spendet Strom aus seinem Turbodiesel und BMW bewegt sich doch. Relativ flott gehts heim gegen den Strom, alles ist unterwegs heut nach Süden von Baby bis Biker. Unser treuer Pilotbegleiter Bepp fiebert schon Sohnemanns Geburtstag entgegen, zur coffee-hour grad recht in Kolbermoor. Unsere wunderbaren Fachübungs-Begleiter haben ganze Arbeit geleistet!

Der König im Rückblick

zurück zur Übersicht der Tourenberichte